Neues Gedenkstättenkonzept beschlossen

Das Bundeskabinett hat heute (19. 6.2008) das von Kulturstaatsminister Bernd Neumann vorgelegte Gedenkstättenkonzept verabschiedet. Es sieht Zuschüsse des Bundes an verschiedene Mahn- und Gedenkstätten im Bundesgebiet vor. Unter anderem erhalten die KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen, Flössenbürg, Neuengamme und Dachau in Zukunft langfristige Förderzusagen. Insgesamt wird der Bund ab 2009 35 Mio. Euro jährlich für den Erhalt von Gedenkstätten ausgeben. Derzeit sind es nur 22 Millionen.

Umstritten waren von Beginn an, die Formulierungen bezüglich der Erinnerungsorte an die SED-Diktatur. In einem früheren Entwurf verstieg sich Staatsminister Neumann zur Formulierung, dass NS-Regime, Holocaust und SED-Diktatur „parallel“ dargestellt werden müssten. Auf Intervention einiger SPD-Abgeordneter wurde die Formulierung letztlich abgeschwächt.

Interessante Randnotiz ist, dass das Thema Vertreibung – also auch das geplante „Dokumentationszentrum“ in den Planungen des Bundes keine Rolle spielt.

Dokumentiert: „Wider eure repressive Toleranz“

Bezugnehmend auf einen anderen Artikel (Eklat um Steinbach-Vortrag an Potsdamer Uni) will ich an dieser Stelle die Thesen einiger Protestierender dokumentieren. Um gleich Vermutungen oder Fragen aus dem Weg zu gehen – ich gehöre nicht zu ihnen und habe mit Text nichts weiter zu tun. Er soll an dieser Stelle nur dokumentiert werden, als Teil eines geschichtspolitischen Diskurses:

Ausschlaggebend für unseren Thesenanschlag ist die aktuelle Debatte um die Begriffe Toleranz, Meinungsfreiheit und „kritische Urteilsbildung“. Wir uns wehren uns dagegen, dass diese Debatte eine Kritik an unserem Protest und der erfolgreichen Blockade gegen den Auftaktsvortrag Frau Steinbachs am 27. Mai 2008 rechtfertigen soll.

Grundsätzlich lenkt diese Diskussion von unserer inhaltlichen Kritik an Frau Steinbach und dem BdV sowie der Tatsache, diesen ein uneingeschränktes Podium an der Universität Potsdam zu bieten, ab. Auf eine inhaltliche Diskussion um das Gewähren einer Vertreterin geschichtsrevisionistischer Kreise an unserer Universität wird verzichtet. Stattdessen werden bestimmte Formen der Debatte beschworen.

Wir wehren uns dagegen, unseren Protest nur an seiner Form zu messen und nicht inhaltlich zu bewerten. Steinbach kam als politische Funktionsträgerin und nicht als Akademikerin der Informatik. Somit muss ein Protest auch politisch ausfallen, wie der OB Jann Jakobs bei der letzten Neonazidemonstration mit seiner Besetzung der Straße vormachte.

Während unsere Blockade gewaltfrei konzipiert und auch so durchgehalten wurde, beschwörte Frau Steinbach durch Anrufen der Polizei die Eskalation und die Involvierung von Gewalt herauf. Dies beführwortet nun auch die Mehrheit der Studierenden des Historischen Instituts. Dabei spielen sie die freie Meinungsäußerung gegen die körperliche Unversehrtheit aus. Körperliche Unversehrtheit wiederum ist absolut. Die Verletzung dieser, die durch einen Polizeieinsatz gegen Studierende gegeben wäre, ist jedoch nicht von einer politischen Bewertung abhängig und auch nicht diskursiv beeinflussbar – gebrochene Knochen sind gebrochene Knochen. Dabei berufen sie sich auf einen absoluten Toleranzbegriff, den keiner so einzuhalten vermag. Indem sich der OB Jann Jakobs oder Prof. Dr. Kleger auf solch einen Toleranzbegriff beziehen, wird deutlich, wie zwiespältig sie argumentieren. Denn auch diejenigen, die „Toleranz“ gegenüber Erika Steinbach an der Universität fordern, verweigern anderen, z.B. Christian Worch auf Potsdams Straßen, zu Recht diese Toleranz.

Es zeigt sich, dass Voltaire zwar ein wichtiger Ausgangspunkt sein mag, man aber nicht bei ihm stehen bleiben kann. Die Moderne ist viel komplexer. Mit ihr sind viel mehr Menschen zu einem politischen Subjekt geworden; es haben sich unendlich viele Positionen herausbilden können, die nicht immer miteinander vereinbar sind.

    Die Thesen: Wider Eure repressive Toleranz


Körperliche Unversehrtheit ist nicht verhandelbar – Toleranz ist politisch

Toleranz verhält sich relativ. Sie ist abhängig von den politischen Bedingungen in denen wir leben. Toleranz ist politisch. Die Grenzen der Toleranz werden dabei jeweils vom eigenen moralischen und politischen Standpunkt aus bestimmt. Denn auch diejenigen, die „Toleranz“ gegenüber Erika Steinbach an der Universität fordern, verweigern anderen, z.B. Christian Worch auf Potsdams Straßen, zu Recht diese Toleranz.

Körperliche Unversehrtheit wiederum ist absolut. Die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit, die durch einen Polizeieinsatz gegen Studierende gegeben wäre, ist nicht von einer politischen Bewertung abhängig und diskursiv beeinflussbar – gebrochene Knochen sind gebrochene Knochen.

Steinbachs Vortrag war politisch – der Protest war politisch

Das Zustandekommen der Vortragsreihe mit Frau Steinbach basierte auf persönlichen und politischen Beziehungen zwischen ihr und Prof. Dr. Eckard Klein. Auch die inhaltliche und terminliche Konzeption der Vortragsreihe sind politischer Natur. Derweil sie keinem akademischen Korpus angehört. Als Diplom-Informatikerin, die sie ist, hätte Frau Steinbach zu Computerschaltstellen reden können, nicht aber zu deutsch-polnischer Geschichte. Frau Steinbach ist auf Grund ihrer politischen Funktion an die Uni geladen worden ist.

Demzufolge musste auch der Protest politisch und nicht akademisch ausfallen. Es ist vollkommen legitim, dass eine Blockade zum politischen Protest gehört. Bei der letzten angekündigten Neonazidemo in Potsdam war Jann Jakobs auch noch dieser Meinung und handelte entsprechend. Der Diskussion darüber, ob es Unterschiede zwischen Erika Steinbach und Christian Worch gibt, die eine derartige unterschiedliche Stellungnahme rechtfertigen, verweigert er sich jedoch unter Berufung auf den schwammigen Begriff der „Toleranz“.

Toleranz ist in der Moderne ein Konzept mit Grenzen

Voltaires Überlegungen zur Toleranz bezogen sich auf eine Zeit, die mit der heutigen in ihrer Differenziertheit nicht zu vergleichen ist. Seine Auffassungen verbanden sich mit dem Verhältnis zwischen aufgeklärten Monarchen und den Vertretern des aufsteigenden Bürgertums. Zu diesen zählten ausschließlich wohlhabende Männer; eine Exklusivität, die Frauen und Arme generell ausschloss.

Seit Beginn der Moderne stieg die Mehrheit der Bevölkerung selbst zu einem gesellschaftlichen Akteur oder politischen Subjekt auf. Dies hatte zur Folge, dass sich Positionen auch im demokratischen Feld nicht vertragen müssen und gegenseitig ausschließen können. Der Toleranzbegriff erfuhr hier seine Endlichkeit.

In der Debatte sollen die Inhalte ausgespart werden

Der aktuelle Diskurs in der Stadt toleriert zwar die Differenz politischer Positionen, geht aber nicht auf die Ursachen der Differenz ein. Dabei blendet er die gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Eine Thematisierung der Ursachen unterschiedlicher Positionen müsste eine Thematisierung der Lösung gesellschaftlicher Konflikte zur Folge haben. Dem Anschein nach soll dies vermieden werden. Auf die inhaltliche Differenz zu Steinbach wurde in der Debatte bisher kein Bezug genommen; stattdessen wurde die Einhaltung der Formen beschworen.

Die „Umgangsformen“ sollen den Protest ersticken

Die herrschenden WortführerInnen aus Lokalpresse, Lokalpolitik und Universität fordern die Einhaltung IHRER Formen. Es ist nicht zu unterstellen, dass sie den Anspruch haben, andere Meinungen generell auszublenden. Doch das Verbot anderer Diskussions- oder Protestformen verhindert eine substantielle Kritik.
Die „Umgangsformen“, die von einer medial und öffentlich dominierenden Gruppe für die Debatte beansprucht werden, sind weder gott- noch naturgegeben. Sie sind Konsens einer Elite, die diese Formen als scheinbaren Konsens platziert hat. Abweichende Formen der Debatte oder des Protestes, wie beispielsweise die Blockierung einer Pforte werden als Verstoß gegen diesen Konsens begriffen und nicht als inhaltlicher Einwand gewertet.

Form und Inhalt bedingen sich – die Minderheit muss andere Form der Auseinandersetzung finden

Eine Minderheit muss andere Formen der politischen Auseinandersetzung suchen und finden. Die Form der Auseinandersetzung ist Teil der Debatte. Form und Inhalt bedingen sich. Um sich wirkungsmächtig und nicht nur zum Schein und der Selbstgenüge Gehör zu verschaffen, kann sie, die Minderheit, nicht in den herrschenden Diskurs einsteigen. Demzufolge muss sich ihr Protest nicht nur inhaltlich sondern auch der Form nach der diskursmächtigen „Debatte“ gegenüberstellen.

Die Vortragsreihe Frau Steinbachs sollte nicht „offen“ sein

Es ist kein Beitrag zu einer Diskussion, wenn man ausschließlich und gleich vier Mal Frau Steinbach einlädt. Dies unterstreicht nur, dass es sich bei dem Thema der Vertreibung und deutscher Verantwortung um einen Scheindiskurs handelt. In den Medien kommen nur sehr ähnliche Positionen vor; eine Debatte existiert kaum. Frau Steinbach wiederum ist in diesem Scheindiskurs überaus stark vertreten. Wenn man Ansätze zu einer Diskussion vertiefen und den Diskurs erweitern will, darf man nicht nur die dominierenden Stimmen einladen. Warum wurde beispielsweise nicht Samuel Salzborn, der wissenschaftlich zu dem Thema gearbeitet hat, eingeladen?

Es zeugt von einem eingeschränkten Demokratieverständnis, wenn man diejenigen, die ohnehin den Diskurs bestimmen, eine weitere Plattform zu Verfügung stellt, statt denen, die davon ausgeschlossen sind, zumindest anteilig die Möglichkeit zur Äußerung einzuräumen.


Erst unser Protest machte auf den „Scheindiskurs“ aufmerksam

Erst der Protest der Studierenden machte auf das Manko des Scheindiskurses aufmerksam. Es zeigte sich, dass er nicht nur ein legitimer sondern auch ein notwendiger Beitrag zur Debatte war, weil er zeigte, wie eingeschränkt der öffentliche Diskurs und das „Toleranz-Verständnis Steinbachs, einer Mehrheit der Studierenden des Historischen Instituts, Vertreter der Lokalpresse und der Lokalpolitik sind. Deren Reaktion war und ist eine repressive Antwort. Der Versuch, gewaltsam den Protest der Studierenden zu durchbrechen und die legitimierte Anrufung der Polizei zielten und zielen auf Einschüchterung und das Verstummen anderer Positionen ab. Es klafft ein großer Spalt zwischen der Selbstwahrnehmung von Frau Steinbach, die sich geradezu „selbsteinopferte“ und der Tatsache, andere Positionen aus dem von ihren Spektrum dominierten Diskurs herauszuhalten.

Juni 2008
Gruppe Studierender, die am Protest gegen die Vortragsreihe von Frau Steinbach beteiligt waren

Quelle: http://www.asta.uni-potsdam.de/sonst/ausgabe.php3?textfile=3118

Eklat um Steinbach-Vortrag an Potsdamer Uni

Eine Vortragsreihe der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach sorgte in den vergangenen Wochen an der Universität für einiges Aufsehen. Steinbach wurde vom Historischen Institut der Universität zu einer Vortragsreihe eingeladen, dessen Thema die „Deutsche Siedlungsgeschichte in Süd- und Osteuropa“ sein sollte. Angesichts der explosiven Mischung aus Thema und der Personalie Steinbach waren Proteste absehbar. Und das nicht unbegründeter Weise, denn dem kritischen Beobachter wäre zumindest die Frage in den Sinn gekommen, welche besondere Qualifikation Frau Steinbach den berechtigen würde, über dieses historische Thema zu sprechen? Dazu muss man wissen, dass Steinbach selbst keinerlei fachliche Qualifikation zur Thematik ausweist, es sei denn man zählte ihre Ausbildung als Geigerin, Diplomverwaltungswirtin oder Informatikerin dazu (nachzulesen hier: http://www.erika-steinbach.de/index.php?option=com_content&task=view&id=38&Itemid=84). Ihre Funktion als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen kann wohl kaum dafür herhalten, denn selbst wenn das als Punkt angeführt werden würde, muss man doch fragen ob sie als Vertreterin einer solchen Lobbygruppe unbefangen und kritisch mit dem Thema hätte umgehen können. Zumindest jedoch in einer Weise, die eines wissenschaftlichen Vortrages angemessen gewesen wäre. (Sämtliche Artikel zum Thema finden sich in der Presseschau des AStA der UP: http://www.asta.uni-potsdam.de/presse/presseschau.php3)

Anhand dieser Einwände ist also die Frage erlaubt, was die Verantwortlichen des Historischen Instituts der Universität dazu bewegt hat, Frau Steinbach als Referentin zu einem derartigen Vortrag einzuladen. Die Vermutung liegt nahe, dass dies nicht geschah um ein mehr oder weniger interessantes Thema wissenschaftlich zu beleuchten, sondern darum Frau Steinbach eine Plattform für ihre Geschichtsdeutung zu liefern und sie durch den akademischen Rahmen aufzuwerten. Ein klassischer Fall subtiler Geschichtspolitik also. Dass keine allzu kritische Auseinandersetzung mit den Thesen Steinbachs vorgesehen war, zeigt auch der geplante Ablauf der Veranstaltung, der Steinbach als Hauptreferentin vorsah und kritischen Nachfragen und Kommentaren nur sehr marginalen Status einräumte. Das kritisieren auch Studierendenvertreter der Potsdamer Uni.

Nun hat die Veranstaltung nach massiven Protesten von ca. 80 Studierenden zunächst nicht stattgefunden, da sie durch den massiven Protest von ca. Studierenden verhindert wurde. Zunächst wurde der vorgesehene Veranstaltungsort blockiert, als mit Hilfe einer angerückten Einsatzeinheit der Polizei versucht wurde, die Blockade aufzulösen, verzichtete Steinbach unfreiwillig auf den Vortrag. Dabei hätte es auch belassen werden können.

Die Blockade löste dann aber in den folgenden Tagen eine mediale Auseinandersetzung in Gang, in der die Absage der Veranstaltung und die Blockade des Veranstaltungsortes als Schlag gegen die Meinungsfreiheit umgedeutet wurde. Die Frage, wieviel Toleranz an der Hochschule zugelassen werden müsse und andere grundsätzliche Dinge geritten auf einmal in den Strudel der Diskussion, wobei fragwürdige Einladung Steinbachs zu einem so brisanten Thema schnell zweitrangig wurde. Der Presseflut und dem Druck zahlreicher CDU-Parteikollegen nachgebend entschloss sich die Unileitung nun eine erneute Einladung an Steinbach auszusprechen. Die Protestierer wurden schnell als vermeintliche Unruhestifter und Anti-Demokraten entlarvt. Der nun mit Sicherheit stattfindende Vortrag wird nun nicht mehr nach seinem Inhalt bewertet werden, sondern von vielen, mit der Materie nicht Vertrauten, als Manifestation für Meinungsfreiheit verstanden werden. Das ist die eigentliche Tragödie. Denn so wird eine breite und kritische Diskussion über den Inhalt und Zweck der Veranstaltung von vornherein verunmöglicht, weil Frau Steinbach und damit auch – gewollt oder nicht – ihre Positionen aufgewertet werden.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Situation wahrscheinlich erst durch die Protestierenden ermöglicht wurde. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Kritik unberechtigt ist – ganz im Gegenteil! Es geht viel mehr darum, zu fragen, ob die Art und Weise des Protestes dem Zweck dienlich gewesen ist. Das martialische Auftreten und das Verhindern-Wollen haben erst den Rahmen geschaffen, in dem sich Steinbach als Märtyrerin des freien Wortes stilisieren konnte. Vielleicht wäre es stattdessen klüger gewesen parallel eine Gegenveranstaltung zum gleichen Thema zu organisieren, und sich dort offen und kritisch mit dem gleichen Thema auseinanderzusetzen und so zu zeigen, wie eine wahrhaft und kritische Auseinandersetzung mit einer solchen Thematik aussehen kann.

Zudem wurde es unterlassen klar die eigenen Kritikpunkte an der Veranstaltung sichtbar zu machen, so dass den Veranstaltern und Steinbach de facto die mediale Deutungshoheit über den Vorgang überlassen wurde. Zu spät wurde dieser Tage ein eigener Diskussionsbeitrag zum Vorfall von den Protestierenden veröffentlicht.

Den vorläufigen Schlusspunkt wird der erneut angesetzte Vortrag Frau Steinbachs zum gleichen Thema setzen. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass angesichts der Aufwertung dieser Veranstaltung als eine Demonstration für Meinungsfreiheit nicht auch vergessen wird sich mit Steinbach und ihren fragwürdigen Positionen zur jüngeren Geschichte Osteuropas kritisch auseinanderzusetzen.

Denn darauf sei an dieser Stelle auch noch hingewiesen: Das Recht der freien Rede bedeutet nicht nur frei sagen zu können, was man denkt, sondern genauso auch die Kritik am Gesagten gleichberechtigt zuzulassen. Daran werden sich die Teilnehmer und Veranstalter des Steinbachvortrages messen lassen müssen, wollen sie ganze dann doch nicht zur (erwarteten) Farce verkommen lassen.






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